Feier des Freistaatstages

Seit dem Jahre 2005 feiert der SPD-Ortsverein Erlenbach den "Freistaatstag"
 
Mit der Feier wird an die Ausrufung der Republik, des Freistaates Bayern, durch den Unabhängigen Sozialdemokraten Kurt Eisner in der Nacht auf den 8. November 1918 erinnert.
 
Der Erste Weltkrieg habe Gewalt und Zerstörung von bis dahin unvorstellbarem Ausmaß entfacht, so Martin Wagner.
Er erschütterte die politischen und gesellschaftlichen Ordnungen.
Das Wilhelminische Kaiserreich, das 1914 maßgeblich zum Ausbruch des Krieges beigetragen habe, stand im Herbst 1918 vor dem militärischen Bankrott.
Die Autorität des monarchischen und militaristischen Regimes verfiel und brach im November 1918 zusammen.
In München entzündete sich die Revolution bei einer Friedensdemonstration auf der Theresienwiese am 7. November:
Kurt Eisner, Vorsitzender der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands in Bayern, verkündete in dieser Nacht den Sturz der Wittelsbacher Monarchie und rief den "Freistaat" Bayern aus.
Eisner wurde damit der erste Ministerpräsident eines Volksstaates Bayern und regierte mit seinem Kabinett in Kooperation mit den in Selbstverwaltung tagenden Arbeiter-, Bauern und Soldatenräten.
Nach einer vernichtenden Wahlniederlage, bei der seine Partei nicht einmal drei Prozent der Stimmen erreichen konnte, war Eisner am 21. Februar 1919 auf dem Weg zum Bayerischen Landtag, um dort als Ministerpräsident zurückzutreten, als er auf offener Straße von einem antisemitischen Nationalisten erschossen wurde.


Wer war dieser Kurt Eisner, der in diesem Jahr seinen 150 Geburtstag "feierte", fragte der 1. Vorsitzende.
Das Münchner Stadtmuseum zeige zur Person Eisner eine noch bis zum 14. Januar 2018 geöffnete Ausstellung, die den publizistischen und politischen Werdegang des ersten bayerischen Ministerpräsidenten herausstelle.
Geboren am 14. Mai 1867 in Berlin wuchs Eisner in einer bürgerlich-jüdischen Kaufmannsfamilie auf.
Nach dem Abbruch des Studiums auf finanziellen Gründen entschied er sich für eine journalistische Laufbahn.
Über ein kurzes Engagement bei der "Frankfurter Zeitung" gelangte er nach Marburg, wo er in die Reaktion der "Hessischen Landeszeitung" eintrat.
In den Kreisen der Sozialdemokratie hatte sich Eisner als treffsicher argumentierender Journalist großes Renommee erworben und wurde deshalb von Wilhelm Liebknecht in die Redaktion des sozialdemokratischen Zentralorgans "Vorwärts" nach Berlin geholt.
Zum 1. Dezember 1898 trat Eisner dann selbst in die SPD ein.
Nach seinem Ausscheiden aus dem "Vorwärts" 1905 nahm er einen Posten bei der "Fränkischen Tagespost" in Nürnberg an.
Im Jahr 1910 zog Kurt Eisner schließlich nach München, wo er für die "Münchner Post" tätig war.


Den Ausbruch des Ersten Weltkriegs befürwortete Eisner zunächst. Ab Herbst 1914 kritisierte er dann die Kriegsführung des Deutschen Reiches. Eisner suchte Kontakt zur Antikriegsopposition innerhalb und außerhalb der SPD. Im April 1917 wurde er Mitglied der neu gegründeten Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Es gelang ihm, eine wichtige Protestaktion auf dem Weg zur Revolution zu organisieren: den Januarstreik der Münchener Rüstungsbetriebe 1918. Eisner wurde als einer der Streikführer verhaftet und kam erst kurz vor Ausbruch der Revolution im Oktober 1918 als nominierter Spitzenkandidat der Münchner USPD aus der Untersuchungshaft.

Der SPD-Kreisvorsitzende Sven Gottschalk verwies auf den Antrag der Landtags-SPD, der 8. November solle im kommenden Jahr ein zusätzlicher gesetzlicher Feiertag im Freistaat sein.

Das letzte Wort habe in dieser Frage jedoch der bayerische Landtag, der mehrheitlich einen Feiertag beschließen könne. Bis heute gebe es jedoch keinen spezifisch bayerischen Feiertag, der das freistaatlich-demokratische Selbstbewusstseins Bayerns in den Mittelpunkt stelle.

 

Mit Frei-Bier und Frei-Brezeln wird alljährlich die Feier im Rathaushof in Erlenbach begangen und an den sozialdemokratischen Politiker und Schriftsteller Kurt Eisner erinnert.

 


Erlenbach, 10. November 2018

 

„Die Freiheit erhebt ihr Haupt“

 

Feier zum 100. Geburtstag des Freistaates Bayern


In der Nacht vom 7. auf den 8. November 1918 rief der unabhängige Sozialdemokrat Kurt Eisner mit dem Freistaat Bayern die erste moderne Republik auf deutschem Boden aus.

Für den SPD-Ortsverein Erlenbach ist dies seit nunmehr 2005 Anlass, einen sog. „Freistaatstag“ zu begehen.
In diesem Jahr wurde in einem würdigen Rahmen im Vorraum der Festhalle der 100. Geburtstag gefeiert.

Ortsvereinsvorsitzender Martin Wagner konnte Bernd Rützel, Mitglied des Deutschen Bundestages, den SPD-Kreisvorsitzenden Sven Gottschalk, seine Stellvertreterin Pamela Nembach, Bürgermeister Georg Neubauer, seinen Vertreter Stefan Schwind, Gemeinderäte von FWG-SPD Erlenbach/Tiefenthal, Vertreter der SPD-Ortsvereine Birkenfeld, Hafenlohr, Kreuzwertheim, Marktheidenfeld, Triefenstein sowie eine große Zahl von Ortsbürgern zu dieser Veranstaltung begrüßen.
Unter der musikalischen Umrahmung von Eva Rossmann versetzten Manfred Eyrich, Helmut Hauptmann und Martin Wagner die Zuhörer in Form einer szenischen Lesung in die Zeit des Umbruchs und der Revolution im Jahre 1918. 

v.l.n.r.  SPD-Kreisvorsitzender Sven Gottschalk, Manfred Eyrich, MdB und Vorsitzender der Unterfranken SPD, Bernd Rützel, stellv. Kreisvors. Pamela Nembach, OV-Vorsitzender Martin Wagner, Helmut Hauptmann


Der Erste Weltkrieg habe Gewalt und Zerstörung von bis dahin unvorstellbarem Ausmaß entfacht.

1918 sei die militärische Niederlage des DeutschenReichs nicht mehr abzuwenden gewesen.
Der wirtschaftliche Verfall im Reich sei unübersehbar gewesen.
„So war alles umsonst, die Millionen Toten, die Millionen Krüppel, das große Sterben, das große Hungern, alles umsonst“, wurde Ernst Toller zitiert.
Ein Machtvakuum tat sich auf, im Reich und in Bayern, dass nur noch ausgefüllt werden musste.
In München entzündete sich die Revolution bei einer Friedensdemonstration auf der Theresienwiese am 7. November.
Kurt Eisner, Vorsitzender der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands in Bayern, begleitet von seinem Sekretär, Felix Fechenbach aus Würzburg, verkündete in dieser Nacht den Sturz der Wittelsbacher Monarchie und rief den "Freistaat" Bayern aus.
Die revolutionäre Rede Kurt Eisners, in der er Bayern zum Freistaat und sich selbst zum Regierungschef erklärte, ist jedoch nicht dokumentiert.

 

Thomas Mann, der spätere Nobelpreisträger für Literatur, notierte in sein Tagebuch: „Irgendwie begehen die Menschen den Anbruch einer neuen Zeit.“

 

Die erste Veröffentlichung ist die offizielle Proklamation der bayerischen Republik, veröffentlicht in den Münchner Neuesten Nachrichten.
An sämtlichen Anschlagtafeln verkünden auch, aber mit verkürztem und leicht abgewandeltem Text, Plakate von der Proklamation der Bayerischen Republik.
Der Aufruf ist nicht an Untertanen, sondern an „Volksgenossen“ gerichtet.

 

Alles scheint erlaubt und vieles möglich in diesen ersten Tagen der Republik. Die Euphorie des Augenblicks, das ist abzusehen, wird nicht von Dauer sein.

 

Doch nicht alles an der neuen Ära ist vorübergehender Natur.
Manche der von der Regierung Eisner vorgenommenen Änderungen werden sogar noch ein Jahrhundert später Bestand haben.
Dazu zählt die Ankündigung auf der Titelseite der Münchner Neueste Nachrichten: Bayern ist fortan ein Freistaat.
Bis heute ist das so geblieben.
Ministerpräsident Eisner bekräftigt diesen Status in der Eröffnungssitzung des Provisorischen Nationalrats.
Erstmalig in Deutschland sitzen Frauen in der Regierung.
Der Freistaat Bayern, so Eisners Gedanke, soll die Staatsform, der Volksstaat Bayern die Regierungsform sein.

 

Auch als Ministerpräsident bleibt Eisner seinen ethischen Prinzipien treu.
Nicht zuletzt deshalb steht er bald zwischen allen Fronten.
Die Vergesellschaftung der Banken und der Schlüsselindustrien steht nicht auf seiner Prioritätenliste, andere Projekte schon:
Achtstundentag, Frauenwahlrecht, die Aufhebung der geistlichen Schulaufsicht, Völkerversöhnung.

 

Die wirtschaftliche Lage aber bleibt schlecht, was vor allem das Bürgertum sowie die Menschen auf dem Land Eisner und den Revolutionären anlasten.
Die Landtagswahl am 12. Januar 1919 wird für Eisner zum Debakel.

 

Am Morgen des 21. Februar 1919 macht sich Kurt Eisner auf den Weg zur konstituierenden Sitzung des neuen Landtags, um seinen Rücktritt zu erklären.
Er schlägt alle Warnungen in den Wind und will keinen Schutz.
„Man kann einem Mordanschlag auf die Dauer nicht ausweichen, und man kann mich ja nur einmal totschießen“, so Eisner.

 

Der erste Ministerpräsident des Freistaates Bayern wird auf dem Weg zum Landtag an diesem Tag von dem völkisch-nationalistischen Offizier Anton Graf Arco auf Valley von hinten erschossen. Der Mörder wird 1920 zum Tode verurteilt, aber eigentlich sympathisiert die Justiz ja mit dem jungen Reaktionär.
Die Todesstrafe wandelt man in lebenslange Haft um. Nach vier Jahren wird er begnadigt.

 

Am 26. Februar findet die Beerdigung statt.

100.000 Menschen geben Eisner das letzte Geleit. Es scheint, die ganze Stadt trägt schwarz.
Gustav Landauer hält die zentrale Rede: „Dieser Mann des Geistes, der für sich und sein inneres Leben die Einsamkeit brauchte, verlangte um seines Seelenfriedens willen nach der schönen Verbindung mit den Menschenbrüdern…
Er war ein Prophet, weil er mit den Armen und Getretenen fühlte und die Möglichkeit, die Notwendigkeit schaute, der Not und Knechtung ein Ende zu machen…
Die Revolution ist sein Vermächtnis an die Menschheit..“

 

Drei Wochen später, auf einer weiteren Trauerfeier für den Verstorbenen im Odeon, hält Heinrich Mann seine Rede:
„Die hundert Tage der Regierung Eisner haben mehr Ideen, mehr Freuden der Vernunft, mehr Belebung der Geister gebracht als die fünfzig Jahre vorher.
Sein Glaube an die Kraft des Gedankens, sich in Wirklichkeit zu verwandeln, ergriff selbst Ungläubige. Geist ist Wahrheit!“

 

Heute erhält ein Denkmal am Oberanger in München, ein begehbarer, kantiger Glaskubus, die Erinnerung an Kurt Eisner wach.
Seine Inschrift „Jedes Menschen Leben soll heilig sein“ sei, so der Ortsvereinsvorsitzende Martin Wagner, das politische Vermächtnis eines wahrhaften Demokraten.

 

„Das Zitat von Heinrich Mann "Die hundert Tage der Regierung Eisners haben mehr Ideen, mehr Freuden der Vernunft, mehr Belebung der Geister gebracht als die fünfzig Jahre vorher”, ergänzte SPD-Kreisvorsitzender Sven Gottschalk mit den Worten “und auch die 100 Jahre nachher”.
Auch in den nächsten fünf Jahren werde sich daran nichts ändern. Der schwarz-orange Koalitionsvertrag mache kaum einen Unterschied zur CSU-Alleinregierung.
Null Antworten auf zentrale (soziale) Fragen: Gesamtkonzept für Bildung mit flächendeckenden Ganztagsschulen? Kostenfreie Kita? Bezahlbare Wohnungen? Gerechte Löhne? Pflegenotstand? Energiewende?
Bernd Rützel, Mitglied des Deutschen Bundestages und Vorsitzender der Unterfranken-SPD stellte abschließend fest, „jede Generation müsse erneut für die Demokratie eintreten, für sie kämpfen und sie verteidigen.
In der Revolution von 1918 habe die SPD das Frauenwahlrecht, das allgemeine und gleiche Wahlrecht, die Mitbestimmung, den Achtstundentag und die Demokratie durchgesetzt.
Ich bin dem SPD Ortsverein Erlenbach dankbar, dass er seit 2005 diesem geschichtsträchtigen und zukunftsweisenden Tag Deutschlands mit einer Feierstunde gedenkt.
Der 9. November sollte ein Feiertag für alle Deutschen sein“, so Rützel am Ende der Veranstaltung.

 


 

Im Jahr 2017 konnte der Ortsvereinsvorsitzende Martin Wagner wieder zahlreiche Besucher, darunter den SPD-Kreisvorsitzenden Sven Gottschalk aus Lohr, die stellvertr. SPD-Kreisvorsitzende Pamela Nembach aus Marktheidenfeld, 1. Bürgermeister Georg Neubauer, 2. Bürgermeister Stefan Schwind sowie die Gemeinderäte der FWG-SPD begrüßen: